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AG Literature-Medicine-Gender
Die AG trifft sich etwa einmal monatlich zu einem vereinbarten Thema, sei dies eine bestimmte Fragestellung, die Lektüre eines Textes oder die Präsentation eines Forschungsvorhabens eines der Mitglieder.
Neue Mitglieder sind jederzeit herzlich willkommen! 1. Mitglieder 2. Arbeitsweise 3. Was ist Kulturwissenschaft? 4. Kontakt 5. Aids als Paradigma für die kulturwissenschaftliche Analyse des Seuchendiskurses 6. Bibliographie 1. Mitglieder Die AG besteht aus einer Kerngruppe aktiver Mitglieder, die kontinuierlich kulturwissenschaftliche Forschung betreiben, sowie zahlreichen weiteren Mitgliedern und Interessierten, die gelegentlich Beiträge leisten. Kerngruppe: Susanne Balmer Studium der Germanistik, Philosophie und Filmwissenschaft. Anschliessend an die Lizentiatsarbeit derzeit Vorbereitung einer Dissertation zum weiblichen Entwicklungsroman. Rudolf Käser Dozent für Kultur und Kommunikation an der Fachhochschule Aargau und Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich. Publikationen zum Verhältnis von Naturwissenschaft (insbesondere Medizin) und Literatur. Esther Orell Studium der Germanistik, Philosophie und des Völkerrechts. Dissertation zu Seuchendarstellungen in der Literatur. Claudia Peyer Studium der Germanistik, Betriebswirtschaft und Geschichte der Neuzeit. Abschluss mit einer Arbeit über schwangere Frauen in der Literatur des 18. Jahrhunderts. Forschung im Bereich der kulturellen Konstruktion von weiblichem Begehren, Körpern und Sexualität. Beate Schappach Studentin der Germanistik und Theaterwissenschaft. Forschung zur Darstellung von Aids in Literatur, Film und anderen Medien. Viele der Forschungsprojekte der AG wurden an den bisherigen Herbsttagungen der Schweizerischen Gesellschaft für Kulturwissenschaft präsentiert; die Texte von Beate Schappach und Dave Schläpfer können heruntergeladen und ausgedruckt werden ("Ey, ist das 'n Leberfleck?" Aids-Darstellungen im Film, von Beate Schappach, Positiv. Rosa von Praunheim und Aids, von Beate Schappach, "Typhoid Mary": Transforming Mary Mallon Into Popular Culture. von Dave Schläpfer) . 2. Arbeitsweise Wir schliessen einerseits an die Systemtheorie von Niklas Luhmann, andererseits an die Diskurstheorie von Michel Foucault an. Dabei ist die Diskussion unseres Methodenverständnisses ein Teil der Arbeit der AG, diese Diskussion ist nicht abgeschlossen. Unser Gegenstand sind die Bewegungen, Transformationen und Aneignungsverhältnisse, die zwischen den sich ausdifferenzierenden Systemen zu beobachten sind. Dabei gibt es zwei zusammengehörenden Fragerichtungen: - Wie differenzieren sich die Systeme bzw. Medien aus? Hier untersuchen wir vor allem das Verhältnis von Literatur, Medizin und dem quer durch alle Systeme verlaufenden Genderdiskurs. - Wie werden bei diesem Prozess einzelne Themen transformiert und in ihrer Darstellungsweise verändert? 3. Was ist Kulturwissenschaft? Kulturwissenschaft fragt nach der inneren Ordnung von Gesellschaften. Sie kann dafür unter anderem die textuellen Erzeugnisse dieser Gesellschaft zum Untersuchungsgegenstand machen, fokussiert dabei aber immer die Frage nach dem Aussagewert dieser Erzeugnisse für die Gesellschaftsstruktur. Literatur hat in kulturwissenschaftlicher Perspektive einen anderen Stellenwert. Sie wird nicht zum Verständnis ihrer selbst analysiert, sondern auf Diskursmuster hin befragt. Dies lässt einerseits einen sehr offenen Textbegriff zu (auch Film, Ratgeber, journalistische Texte etc.), andererseits werden so disziplinenübergreifende Forschungsergebnisse generiert. Kulturwissenschaft analysiert die Beziehung zwischen Praktiken und Kommunikationsstrategien, praktiziert also keine reine Textanalyse. Kulturwissenschaft betreibt eine kontextualisierende Lektüre von Einzeldarstellungen. Sie nutzt dafür zugleich mehrere Disziplinen und Diskurse und kann so feststellen, welcher Diskurse sich eine Darstellung bedient, inwieweit sie diese eventuell transformiert und wo Ausblendungen vorgenommen werden. Kulturwissenschaft hat eine diachrone Dimension: Sie untersucht die Aktualisierung, das heisst die angeeignete Wiederaufnahme, von älteren Diskursen. In dieser Reaktualisierung können alte Muster wiedererkannt werden. Man kann einen Text in seiner Zeit als Rückgriff auf eine frühere Zeit verorten und man kann ihn in Beziehung mit heute aktuellen Diskursen stellen. Erst in diesem Vergleich ergibt sich die Möglichkeit, Aussagen über die Wiederholungsstruktur und Veränderlichkeit eines Diskurses zu machen. Kulturwissenschaft untersucht, mit welchen Mitteln breitenwirksame Debatten ausgelöst und geführt werden. Kulturwissenschaft fragt nach den epistemologischen Rahmenbedingungen für die Entstehung von Diskursen. 4. Kontakt Beate Schappach: b.schappach[at]culturalstudies.ch 5. Aids als Paradigma für die kulturwissenschaftliche Analyse des Seuchendiskurses Zur Veranschaulichung unserer Arbeitsweise wollen wir eines unserer Projekte, die Analyse von Seuchendiskursen, konkreter vorstellen. Ausgehend vom Aids-Diskurs werden hier einige Thesen vorgestellt. Marco Pulver untersucht in seinem Buch „Tribut der Seuche oder Seuchenmythen als Quelle sozialer Kalibrierung“ den AIDS-Diskurs in massgeblichen Printmedien der Bundesrepublik Deutschland. Er vergleicht die dort feststellbare Entwicklung mit Topoi und Strategien der literarischen Tradition einerseits, mit den durch AIDS provozierten Entwicklungen im juristischen und kirchlich-seelsorgerischen Diskurs andererseits. Pulver zeigt auf, wie das wiederkehrende Schema des Seuchendiskurses strukturiert und motiviert ist. Er unterscheidet drei Phasen: 1. Mystifizierung und Diskursinitiierung: die Seuche erscheint unerwartet, meist wird sie eingeschleppt, die Ursachenfrage wird vervielfältigt gestellt; 2. Dramatisierung und diskursive Ausweitung der Seuchengefahr: die Seuche wird zu der entscheidenden Gefahr; es kommt zu einer 3. Radikalisierung über Eskalationsschemata. Pulver vermag zu zeigen, wie die Dramatisierung der Seuchegefahr in vielen Bereichen des Wertdiskurses zur Aktualisierung verblichener Wertvorstellungen führt. So analysiert er ausführlich, wie z. B. im Zusammenhang mit AIDS-Diskursen in der christlichen Seelsorge der Bundesrepublik die Werte der Toleranz und der Nächstenliebe neu entdeckt und gegen ausgrenzende soziale Kontrolle ins Feld geführt werden. Zudem wird der Körper im Licht der Infektionsschemata neu kartografiert und im Detail bewusst gemacht. Wer wusste vor AIDS, wie viele Körpersäfte der Mensch auszuscheiden vermag? Unter dem Druck dieses neuen Wissens werden Verhaltensweisen neu bewertet oder alte Bewertungen aktualisiert und differenziert. Kurz: Seuchendiskurse folgen einer Wiederholungsstruktur; sie dienen der Revitalisierung alter Werte und sie transformieren diese Werte. Im Hinblick auf den AIDS-Diskurs kommt man mit einem offenen Textbegriff (welcher auch Filme, Ratgeber, Comics und journalistische Texte wie auch fiktionale Literatur umfasst) auf fünf Phasen der Diskursivierung von Aids: Ausgrenzung: Es werden Risikogruppen ausgemacht, benannt und bildlich festgehalten. Das erste Stereotyp der Aidskranken sind dunkelhäutige, schwule Männer. Handlungsanleitung: Mitte der 80-er Jahre erfolgt ein Umschlag vom Begriff ‚Risikogruppe‘ zum Begriff ‚Risikoverhalten‘, damit eine stärkere Referenz auf Selbstverantwortung und mit ihr eine Medikalisierung des Aids-Diskurses, AIDS wird Teil des Hygienebereiches. Zugleich wird ikonografisch vom Individuum abstrahiert. Integration: Tagebücher, Handbücher von Betroffenen und narrative sowie dokumentarische Filme vermitteln wieder eine individuelle Perspektive auf AIDS, Sinngebung findet statt. Es geht nun um die Integration von Krankheitsträgern. Angstlust: Mit dem Bekanntwerden von Schutzmassnahmen gegen AIDS und mit dem Nichteintreten der Entvölkerung von Europa durch AIDS entstehen halbfiktive Katastrophenszenarien; vor allem Verschwörungstheorien werden verhandelt. Die Dramatisierung wird auf eine andere Ebene verschoben. Zugleich wird die Katastrophe aber immer nur als potentiell Europa betreffend imaginiert. Es bleibt die Ambivalenz zwischen einer möglicher Eskalation und der real beruhigten Stimmung. Hergestellte Selbstverständlichkeit: Ende der 90-er Jahre erscheint AIDS als Thema unter vielen. Es wird nicht mehr erklärt, abgewogen oder dramatisiert. Wissen über Ansteckung wird vorausgesetzt, wenige knappe Zeichen genügen, um dieses Wissen aufzurufen. Das Ergebnis der ersten Untersuchung zeigte: Bei AIDS verläuft die Integration der Kranken über den Wert Nächstenliebe parallel zur medizinischen Entwicklung: die Ansteckungswege werden bekannt, damit wird Schutz möglich – Nächstenliebe wird also ungefährlich. Mit einem engeren Textbegriff (welcher ausschliesslich literarische Texte umfasst) kommt man auf drei Phasen der Diskursivierung: 1. Integration über Identifikation: Nachdem sich die Ausgrenzung von Risikogruppen als illusionär erwies, erscheinen Texte, welche die Bewusstseinslage umstrukturierten: Da alle wahrscheinlich betroffen sein könnten, musste die Seuche ein Gesicht erhalten, das allen erträglich schien. Es wächst das Interesse an ‚authentischen‘ Darstellungen der Krankheitserfahrung. Plötzlich will man wissen, wie es ist, mit HIV zu leben, die Stadien der Krankheitsentwicklung zu erdulden und schliesslich – medizinisch umsorgt und von liebevollen Nächsten begleitet, zu sterben. Patientinnen und Patienten veröffentlichen Tagebücher, Angehörige beschreiben ihre Erfahrungen als Begleiterinnen und Begleiter. Sterben erscheint als menschliche Erfahrung, als Übungs- und Bewährungsfeld allgemein menschlicher Solidarität und christlicher Nächstenliebe. Das Bild des AIDS-Patienten und das Bild des Verhältnisses zum Aids-Kranken wird ikonographisch neu geprägt. 2. Verweigerung und Individualisierung: Einige der ‚authentischen‘ Texte verbitten sich das Mitleid. Sie pochen mit oft geradezu provokantem Gestus auf der irreduziblen Individualität und Härte der Krankheits- und Todeserfahrung. Aids verlangt dem Kranken das Äusserste an Lebensleistung ab, provoziert seine Genialität und Produktivität weit über die Grenzen des Mittelmasses hinaus. 3. Fiktionalisierung Erst in jüngster Zeit tritt AIDS innerhalb der deutschsprachigen Literatur als Motiv und Sprachmaterial in fiktionalen Texten auf, die nicht von direkt Betroffenen geschrieben wurden, deren Produktion und Rezeption nicht im Zeichen der ‚Authentizität‘ steht. Literarische Fiktionen sind innerhalb der kulturellen Diskursivierung von Aids ein relativ spätes Phänomen. Die literarischen Texte schreiben sich in einen bereits ausdifferenzierten Diskurs ein, sie verwenden Sprachmaterial, das wir bereits kennen, das anderweitig vorbereitet und vorgeprägt wurde. Das Ergebnis der zweiten Untersuchung zeigte: Das Erscheinen bestimmter Textsorten und bestimmter Darstellungsweisen ist nicht zufällig, sondern folgt einem Muster. Für die fiktionale Literatur lässt sich schliessen, dass sie auf eine Vorbearbeitung des Themas AIDS angewiesen ist, bevor sie es selbst thematisieren kann. In dieser Vorberarbeitung wird in anderen Textsorten ein Code für die Aidsdarstellung entwickelt, erst danach kann die (elaborierte) fiktionale Literatur diesen Code aufnehmen und auch wieder ironisch brechen. 6. Bibliographie: Kulturwissenschaft: • Appelsmeyer, Heide (Hg.): Kulturwissenschaft. Felder einer prozessorientierten wissenschaftlichen Praxis, Weilerswist 2001 • Bal, Mieke: Kulturanalyse, Frankfurt am Main 2002 • Bromley, Roger (Hg.): Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung, Lüneburg 1999 • Bussmann, Hadumod (Hg.): Genus. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften, Stuttgart 1995 • Daniel, Ute : Kompendium Kulturgeschichte, Frankfurt am Main 2002 • Düllo, Thomas (Hg.): Kursbuch Kulturwissenschaft, Münster 2000 • Echterhoff, Gerald: Der Stoff, an dem wir hängen. Faszination und Selektion von Material in den Kulturwissenschaften, Würzburg 2002 • Engelmann, Jan (Hg.): Die kleinen Unterschiede. Der Cultural Studies-Reader, Frankfurt am Main 1999 • Fauser, Markus: Einführung in die Kulturwissenschaft, Darmstadt 2003 • Göttlich, Udo (Hg.): Die Werkzeugkiste der Cultural Studies. Perspektiven, Anschlüsse und Interventionen, Bielefeld 2001 • Hansen, Klaus P.: Kultur und Kulturwissenschaft. Eine Einführung, Tübingen 2003 • Helduser, Urte (Hg.): Kultur und ihre Wissenschaft. Beiträge zu einem reflexiven Verhältnis, Konstanz 2002 • Hepp, Andreas (Hg.): Die cultural studies Kontroverse, Lüneburg 2003 • Horak, Roman: Die Praxis der Cultural Studies, Wien 2002 • Isernhagen, Hartwig: Interdisziplinarität und die gesellschaftliche Rolle der Geistes- und Kulturwissenschaften heute, Basel 1997 • Kittler, Friedrich A.: Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft, München 2001 • List, Elisabeth: Grundlagen der Kulturwissenschaften. Interdisziplinäre Kulturstudien, Tübingen 2004 • Lutter, Christina: Cultural Studies. Eine Einführung, Wien 2002 • Medizin und Kulturwissenschaft (Bonner Beiträge zur Geschichte, Anthropologie und Ethik der Medizin) • Müller, Klaus E. (Hg.): Phänomen Kultur. Perspektiven und Aufgaben der Kulturwissenschaften, Bielefeld 2003 • Musner, Lutz (Hg.): Kulturwissenschaften. Forschung – Praxis – Positionen, Wien 2002 • Nünning, Ansgar : Konzepte der Kulturwissenschaften. Theoretische Grundlagen, Ansätze, Perspektiven, Stuttgart 2003 • Schnöller, Andrea [Red.]: Kulturwissenschaften, Wien 1999 • Steiner, Uwe C.: Können die Kulturwissenschaften eine neue moralische Funktion beanspruchen? Eine Bestandesaufnahme, in: Deutsche Vierteljahrsschrift 71(1997) Literaturwissenschaft: • Bassler, Moritz (Hg.) New Historicism. Literaturgeschichte als Poetik der Kultur, Tübingen 2001 • Benthien, Claudia: Germanistik als Kulturwissenschaft, Reinbek bei Hamburg 2002 • Glaser, Renate (Hg.): Literaturwissenschaft – Kulturwissenschaft. Positionen, Themen, Perspektiven, Opladen 1996 • Hohendahl, Peter U. (Hg.): Kulturwissenschaften. Beiträge zur Erprobung eines umstrittenen literaturwissenschaftlichen Paradigmas, Berlin 2001 • Neumann, Gerhard (Hg.): Lesbarkeit der Kultur. Literaturwissenschaften zwischen Kulturtechnik und Ethnographie, München 2000 • Neumann, Gerhard (Hg.): Transgressionen. Literatur als Ethnographie, Freiburg im Breisgau, 2003 • Nünning, Ansgar: Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft, Tübingen 2003 • Turk, Horst: Philologische Grenzgänge. Zum Cultural Turn in der Literatur, Würzburg 2003 - Auswahl aus den Sitzungsprotokollen AG Literature - Medicine - Gender (PDF) |