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Herbstworkshop 2002: Abstracts

Wissenschaftskulturen Kulturwissenschaften
Herbstworkshop in Zürich, 22. / 23. November 2002

MODUL 1 (Moderation: Ursula Ganz-Blättler)


Henry Taylor (Modul 1: Freitag, 22. November, 14 Uhr):

Film und Paranoia

Von den Serientätern und Meisterverbrechern in Louis Feuillades "Fantômas" (1913/14) und Fritz Langs "Mabuse"-Filmen (1922, 1932) über den SF-Klassiker "Invasion of the Body Snatchers" (1956) bis hin zu den Politthrillern der 70er Jahre und den Verschwörungsszenarien der Postmoderne reicht das Spektrum des Paranoia-Films. Liess sich der paranoide Effekt in einer ersten, klassischen Phase noch klar an Individuen zurückbinden, wurde er in der modernistischen Variante (60er und 70er Jahre), als sich das Metagenre fest etablierte, zunehmend systemisch; im postmodernen Kino schliesslich, vor allem seit den 90er Jahren, wird Paranoia sowohl ironisiert und zum Spiel ("The Game") wie auch allgegenwärtig ("The Truman Show", "The Matrix"). Die Identität des Individuums als solches erscheint zunehmend in Frage gestellt ("Memento").

Die Theoretisierung und narrative Erschliessung des Metagenres geschieht vor dem Hintergrund kultureller Paranoia als zeitgenössischer Metaphysik und arbeitet das untergründige Thema der Filme heraus: die Krise des Individuums und seiner Handlungsmächtigkeit im Zeitalter komplexer sozialer Systeme.


Luis Calvo (Modul 1: Freitag, 22. November, 14.30 Uhr):

Galicischsprachige Radiosendungen in Genf der 80er Jahre: populäre Musikkultur und Migration

Seit den 60er Jahre leben galicische Migranten in Genf, aber erst in den 80er Jahre gelang es einer Gruppe davon, eine Sendung in galicischer Sprache in einem Lokalsender auszustrahlen. Nach einer kurzen Einführung über die galicische Einwanderung in die Schweiz sollen die Entstehung und Elemente der Radiosendung (Musik, Nachrichten, themenzentrierte Beiträge) erklärt werden. Im Zentrum der Analyse steht die Rolle und politische Konnotationen populärer Musikkultur sowie ihre Bedeutung für die galicischen Migranten in Genf.


Dominik Landwehr (Modul 1: Freitag, 22. November, 15.00 Uhr):

Cet obscur objet du désir
Enigma und andere Chiffriermaschinen als Zentrum geheimer Sammelleidenschaft


Die Entschlüsselung der deutschen Chiffriermaschine Enigma durch die Alliierten gehört zu den best gehüteten Geheimnissen des Zweiten Weltkrieges.

Nicht zuletzt aus diesem Grund ist es auch wenig bekannt, dass auch die Schweiz damals dieselbe Chiffriermaschine benutzte. Die Schweizer Enigma wurde anfangs der neunziger Jahre durch das damalige Eidgenössische Militärdepartement EMD deklassifziert. Sie steht seither im Zentrum der Sammel- und Forscherleidenschaft einer ganz speziellen Gruppe von Menschen. Viele von ihnen scheuen das Licht der Öffentlichkeit, weil sie sich um die Sicherheit ihrer Schätze Sorgen machen. Dabei leisten diese Sammler oft vorzügliche Arbeit und bringen Licht in ein Kapitel, das nicht nur für die Technik - sondern auch für die Schweizer Kulturgeschichte von grossem Interesse ist.


MODUL 2 (Moderation: Ingrid Tomkowiak)


Dave Schläpfer (Modul 2: Freitag, 22. November, 14.00 Uhr):

"Typhoid Mary": Transforming Mary Mallon Into Popular Culture

New York, frühes 20. Jahrhundert: Mary Mallon, eine irische Immigrantin und Köchin, verbringt insgesamt 26 Jahre ihres Lebens als Internierte auf North Brother Island. Sie ist die erste selber gesunde Typhusüberträgerin, welche durch das neu auf das bakteriologische Paradigma eingestellte Objektiv des US-Medizinalsystems gesehen werden kann – sowie die einzige unter Tausenden und keineswegs die am meisten Opfer Verursachende, welche derart harsche Sanktionen erfährt. Die pathogene Irritation "Typhoid Mary" erzeugte rasch ein weitläufiges Diskursnetz in zahlreichen gesellschaftlichen Systemen. Bald folgte auch ein Export ins Kunstsubsystem Literatur, in dem die Verhandlungen ihres Falls Weiterführung fanden. Gemeinhin bekannt ist die 1982er-Version des Schweizer Autors Jürg Federspiel. Daneben existiert jedoch u.a. auch noch eine Verdichtung im Superhelden-Kosmos des Verlagsgiganten Marvel Comics, welche selbst Judith Walzer Leavitt, der Autorin des Standardwerkes über "Typhoid Mary", bislang nicht bekannt war. Welcher Logik diese auf die Provokation von Zahlungen angelegte Transformation folgt, soll in meinem Referat ins Blickfeld geraten.


Beate Schappach (Modul 2: Freitag, 22. November, 14.30 Uhr):

Aids in Film und Literatur. Rosa von Praunheim als Beispiel

Aids erscheint seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts im System Kultur als Störung. Innerhalb dieser wird es im Subsystem Literatur, von der Gattung Autobiographie ausgehend, in verschiedenen Textformen unter Verschiebung des Fokus von individuell Betroffenen auf gesellschaftliche Zusammenhänge aufgenommen. Im Film ist eine ähnliche Bewegung zu beobachten.

Rosa von Praunheims früher filmischer Aids-Kommentar "Ein Virus kennt keine Moral" (1986) liegt deutlich quer zu dieser Entwicklung und löste vor allem in der Schwulenbewegung Deutschlands Widerstand aus in seiner radikal verfremdend-ironischen Darstellungsweise. Mehr auf "Passing" angelegt scheinen seine späteren Werke zum Thema Aids. In "Schweigen = Tod - Künstler in New York kämpfen gegen Aids" (1990) werden auf identifikatorische Weise Leben und Schaffen HIV-infizierter und Aids-kranker Künstler in New York vorgestellt. Seine Autobiographie "50 Jahre pervers" (1992) liest sich wie ein nachträglicher, erklärender und auf Einfühlung angelegter Kommentar zu seinen früheren Darstellungen.

Dieser Befund kann mit der Terminologie Ian Hackings als Aneignung des Themas Aids auf unterschiedlichen Niveaus des Engagements verstanden werden. Das Paper wird den Zusammenhang von Engagementlevel und der kulturellen Differenz zwischen Berlin und New York, den beiden Arbeitszentren Praunheims, erörtern. Praunheims Filmtexturen werden dabei verstanden als Reinszenierung von Mustern des Selbstverständnisses des Künstlers angesichts von Aids. Die unterschiedlichen soziokulturellen Kontexte und die Gattungswechsel befähigen zu sehr verschiedenen Aneigungsformen von Aids: als Polemik gegen herrschende Strukturen in Deutschland oder als affirmative Teilhabe an einer Künstlergemeinschaft innerhalb der Gay Community in New York.


Esther Orell (Modul 2: Freitag, 22. November, 15.00 Uhr):

Das Benennungs-Szenario epidemischer Krankheiten in der literarischen Darstellung

Der Akt der Benennung epidemischer Krankheiten ist mehr als die blosse Feststellung des Vorhandenseins einer Seuche. Das Benennen einer Epidemie produziert medizinische, medizin-politische und sozialpolitische Handlungen und Handlungsanleitungen. Im Anschluss an Foucaults Diskursanalyse werden die im Benennungsszenarium inszenierten Diskurskonflikte analysiert.

Am Beispiel des Romans "Schweizerspiegel" von Meinrad Inglin soll gezeigt werden, wie der medizinische Diskurs auf Grund unterlassener Handlungen ausgeschaltet wird. Der von den Ärzten gegebene Name "Grippe" impliziert wegen der Harmlosigkeit der Seuche keine medizinischen und medizinpolitischen Handlungsanleitungen. Obwohl die Soldaten ihrerseits eine Störung im System Namen / Symptom / Handlungsanleitungen feststellen, die nicht nur einen neuen Namen und damit neue Handlungsanleitungen verlangen würde, ändern die Ärzte weder die Benennung noch die Handlungsanleitungen. Die Soldaten reagieren darauf mit der Ablehnung des medizinischen Diskurses und eignen sich an dessen Stelle den alten metaphorischen Schulddiskurs der Syphilis an.

MODUL 3 (Moderation: Rainer Egloff)


Rainer Egloff, Michael Guggenheim (Modul 3: Freitag, 22. November, 16.00 Uhr):

Von der Disziplinlosigkeit der Umwelt
Frühe amerikanische Stadtsoziologie und Nachhaltigkeitsindikatoren


Wir vergleichen zwei Fälle, die hundert Jahre, einen Ozean und zwei halbe Kontinente auseinanderliegen. Der eine Fall betrifft die Sozialwissenschaften, der andere die Umweltnaturwissenschaften. In beiden geht es um Schnittstellen zwischen Natur und Kultur – um umfassende Projekte zur Neukonzeption der Verhältnisse zwischen Mensch und Umwelt. Die Fallsbeispiele gehen auf die Forschungsarbeiten zur Frühgeschichte der Soziologie in den USA um 1900 und zur Arbeit von heutigen Schweizer Umweltberatungsfirmen zurück.

In beiden Fällen findet eine Modifikation des Spannungsbogens Individuum-Gesellschaft-Umwelt statt. Die Stadtsoziologie etabliert sich, indem sie die Problemhorizonte modernen menschlichen Verhaltens um Umweltfragen erweitert. Damit einher geht ein Schritt in die Naturwissenschaften und Technik. Ebenfalls mit dem Anspruch, mehr sehen zu wollen, verschiebt dagegen heute die Umweltwissenschaft ihre Kompetenzgrenzen in die Sozialwissenschaften hinein. Bei den genannten disziplinären Kompetenzverschiebungen spielen holistische und normative Ansprüche eine ebenso wechselhafte wie entscheidende Rolle.


Tanja Wirz (Modul 3: Freitag, 22. November, 16.30 Uhr):

Gipfelstürmerinnen und Bergkameraden
Geschlechterordnung, Sozialtopografie und Nation am Beispiel des Alpinismus in der Schweiz, 1840-1940


Mein Dissertationsprojekt befasst sich mit der Geschichte des Alpinismus in der Schweiz als Fallstudie über Wahrnehmung und Nutzung der alpinen Landschaft und fragt, wie Bergsteigen von 1840 bis 1940 zur Bildung neuer Identitäten beitrug. Hauptakteure sind weibliche und männliche Alpinisten, die seit dem 19. Jahrhundert in die Schweiz kamen. Bergsteigen war für sie mehr als blosse Freizeitbeschäftigung, sondern fungierte als wichtige soziale Praxis, mittels derer zentrale Werte des städtischen Bürgertums wie Geschlechterordnung, Klassenzugehörigkeit und Nationalität inszeniert, reproduziert und in die Körper der Beteiligten – Bergsteiger wie auch Bergführer – eingeschrieben wurde. Es soll keine Institutionengeschichte des Alpinismus entstehen, sondern untersucht werden die Erfahrungen von BergsteigerInnen unterschiedlicher sozialer und nationaler Herkunft und ihre jeweilige Wahrnehmung und Nutzung der (Hoch-) Alpen. Darüber hinaus frage ich nach der Verwendung von alpinistischen Metaphern in einer breiteren Öffentlichkeit: Literatur, Film, Presse, aber auch Politik.


Stefan M. Seydel (Modul 3: Freitag, 22. November, 17.00 Uhr)

Wissenschaft? Neugieronautik!

In meiner Kurzpräsentation kann ich keinen Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Selbstreflektion leisten. Aber ich will versuchen, die Kultur zu reflektieren, welche uns zu WissenschaftlerInnen machen will. Es soll dabei die an- und aufregende Behauptung gemacht werden, dass die Wissenschaft vor ihrem Ende steht.

Als Einstieg werden Sichten auf Schichten der Geschichte gemacht: Wie ist es eigentlich zum westlichen Wissenschaftsverständnis gekommen? Können die typischen Arbeitsprinzipien - unterscheiden, differenzieren, benennen, ordnen - in ihrer gesellschaftsordnenden Funktion interpretiert werden? Hat die Entwicklung der Wissenschaft je eine Garantie für Gleichheit, Menschlichkeit und Freiheit geboten?

Unter den Bedingungen einer "funktional ausdifferenzierten Gesellschaft" (N.Luhmann) und den damit verbundenen feinsten professionellen und bürokratischen Verästelungen scheint "Wissenschaftlichkeit" der ideale Legitimationsträger, um im Gerangel um immer knapper werdende (finanzielle) Ressourcen erfolgreich zu sein.

Weil die Wissenschaft dabei aber offensichtlich ihre unabhängige Zurückgezogenheit (in Elfenbeintürme) freiwillig aufgegeben hat, wird jetzt auch nachvollziehbar, dass Diskurse über Gerechtigkeit, Gleichheit, Gleichwertigkeit, Anpassung über die Zeit hinweg, Gewaltlosigkeit auf globalem Niveau, etc. dringend einer neuen Diskussionsbasis bedürfen.

MODUL 4 (Moderation: Rudolf Käser)


Susanne Balmer (Modul 4: Freitag, 22. November, 16.00 Uhr):

Vegetationsmetaphorik vor dem Hintergrund der phänotypischen Variabilität am Beispiel des Romans "Christa Ruhland" von Hedwig Dohm

Die Literatur des 19. Jahrhunderts verwendet für die Beschreibung weiblicher Figuren eine weit verbreitete Vegetationsmetaphorik. Diese Pflanzenmetaphern gehen zumeist auf antike Zeugungstheorien zurück, welche eine Polarität zwischen dem aktiven Mann als "Tier" und der passiven Frau als "Pflanze" ansetzen. Im Rahmen dieser Metaphorik scheint eine Differenzierung des "Geschlechtswesens Weib" im Sinne der Individuation undenkbar.Am Beispiel des Romans "Christa Ruhland" von Hedwig Dohm soll jedoch gezeigt werden, dass dieses Urteil vor allem in der feministischen Literaturwissenschaft bis anhin zu pauschal getroffen wurde. In "Christa Ruhland" wird gerade mit Hilfe der Pflanzenmetaphorik ein Konzept für die individuelle Entwicklung der weiblichen Hauptfigur entworfen, indem das Prinzip der "phänotypischen Variabilität" aus der Biologie entlehnt wird. Den biologischen Ansatz aus dem 19. Jahrhundert, dass dieselbe Pflanze an unterschiedlichen Standorten ganz unterschiedliche Merkmale entwickelt, wendet die Hauptfigur Christa auf sich selbst an, wenn sie ihr geistiges und soziales Umfeld gezielt wählt und wechselt und beobachtet; welche Charaktermerkmale dadurch bei ihr hervorgerufen werden.Methodisch gesehen wird dabei der Roman "Christa Ruhland" im Sinne der Diskursanalyse als Interdiskurs verstanden, der das in anderen Spezialdiskursen arbeitsteilig organisierte Wissen re-integriert und dabei die kollektiven Positionen der Diskurse sowohl verstärken wie ambivalent auflösen oder kulturrevolutionär subvertieren kann.


Claudia Peyer (Modul 4: Freitag, 22. November, 16.30 Uhr):

Topologie des Gebärens: Konstruktion weiblicher Sexualität

Schwangere Frauen kommen bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in literarischen Texten nur vereinzelt vor. Ihre Darstellung ist dabei geprägt von Vorstellungen über Ehe und Fortpflanzung. Danach aber fällt die häufige Produktion von Dramen auf, die sich mit der Thematik des Kindsmordes beschäftigen und somit die uneheliche Schwangerschaft ins Zentrum des Interesses rücken.

Die verheiratete oder verwitwete Schwangere ist meist adeliger Herkunft und in ein familiäres Netz eingebunden, was ich anhand der "Insel Felsenburg" von Schnabel und Gellerts "Schwedischer Gräfin von G***" aufzeigen werde. Demgegenüber werden in Wagners "Kindermörderin" und in Lenz' "Hofmeister" - junge, unehelich schwangere Frauen sozial ausgeschlossen, weil sie die Grenzen der gesellschaftlichen Akzeptanz überschritten haben, was bei Wagner in letzter Konsequenz sogar zum Tod des Kindes führt.

Mit Hilfe von Zeugnissen des medizinischen und juristischen Diskurses jener Zeit im Hinblick auf Zeugung, Schwangerschaft und Geburt werden die Vorstellungen der Gelehrten über eine weibliche Sexualität rekonstruiert. Diese sind geprägt von Humoralpathologie und antiker Zeugungslehre, welcher im Verlauf des 18. Jahrhunderts vermehrt Lehrmeinungen gegenübertreten, die auf empirischen Erkenntnissen beruhen. Besonders ausgeprägt zeigt sich dieser Veränderungsprozess bei der in der zweiten Jahrhunderthälfte geführten Debatte über Präformation und Epigenese.

Die so konstruierte Folie erlaubt mir eine neue Zugangsweise zu den Werken, in welchen die Zeichen einer stattgehabten Empfängnis, einer möglichen Schwangerschaft, bis zu den Zeichen einer bevorstehenden Geburt lesbar werden. So lässt sich aufzeigen in welchem gesellschaftlich tolerierten Rahmen sich eine Frau bewegen muss, damit der Schutz von Mutter und Kind gewährleistet ist.


Christine Kanz (Modul 4: Freitag, 22. November, 17.00 Uhr):

Mütterlichkeit um 1900 – eine interdisziplinäre Analyse aus kulturwissenschaftlicher Sicht

Mein interdisziplinär ausgerichteter Beitrag soll zeigen, daß die Thematisierung von Mütterlichkeit um 1900 in den unterschiedlichsten Wissensformationen und deren Verflechtungen im deutschsprachigen Raum so stark und so gehäuft war, daß man dies als Phänomen nicht nur wahrnehmen, sondern auch differenziert analysieren und erklären muß. Es geht um die Herausarbeitung der Vielfalt und Widersprüchlichkeit innerhalb dieses Mütterlichkeitsdiskurses um 1900, der doch von ganz verschiedenen ideologischen Ausrichtungen vereinnahmt und funktionalisiert werden konnte.

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